Die Stadt schlief, während sie durch die Straßen lief. Die Dunkelheit hatte die Menschen unlängst weggefegt; was blieb, war die verbrauchte Luft des Tages und die betäubende Stille der Nacht. Sie ging in der Mitte, da, wo die weiße Linie wäre, wenn man eine einzeichnen würde. Auf ihren Straßen ist keine weiße Line; ihre Straßen sind schmal, spärlich beleuchtet und mit Teerflecken übersät. Damals lief sie barfuß, mit geschlossenen Augen, ihre Schuhen in der linken und einer Zigarette in der rechten Hand. Der Boden war kalt und uneben, ihre Füße schmerzten nach wenigen Metern. Zu jener Zeit wusste sie noch nicht, dass es nicht lange weh tun würde, dass nichts auf Dauer schmerzt. Wenn man sich erst einmal damit abfindet, wenn man bloß erst einmal eine Weile mit dem Schmerz läuft, lebt, dann gewöhnt man sich daran. Und genauso, wie Füße unterschiedlich schmerzempfindlich sind, so sind es Herzen auch. Irgendwann tut es nicht mehr weh. Es ist nur eine Frage der Zeit. Aber das wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie lief ihre imaginäre weiße Linie entlang und während sie die Musik lauter stellte um die Stille zu verdrängen, fingen ihre Gedanken an zu tanzen. Sie tanzten zum Konjunktiv.
Damals hat sie sich vorgestellt, wie es wäre, wenn er auf der gleichen Geraden liefe, wie sie. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn er einfach vor ihr stünde. Damals hat sie so fest daran geglaubt seine Anwesenheit spüren zu können, dass sie die Augen öffnen musste um nachzusehen.
Doch was sie sah, war nichts. Bedrückende Leere. Sie lief die Straße entlang und als sie ihre Zigarette fallen lies, seufzte sie in ihren Schal. Sie hob die Arme leicht an, der Balance wegen, schloss die Augen und lief, bis der Schmerz nachlies.
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